Allen Unkenrufen eines wachsenden Egoismus zum Trotz: Immer mehr Menschen engagieren sich für ihr Gemeinwesen und ihren Nächsten. Der Freiwilligensurvey von 2004 kann dies belegen. 2009 wurden erneut insgesamt 20.000 Personen im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend befragt. Die von TNS Infratest durchgeführte repräsentative Untersuchung belegt: Das Engagement der Bundesbürger bleibt auf einem hohen Niveau. Besonders erfreulich: Das Engagement der Über-50-jährigenwächst deutlich.
Untenstehende Ergebnisse stammen aus einer Sonderauswertung für Bayern aus dem Freiwilligensurvey 2004, die das Bayerische Staatsministerium für Arbeit, Sozialordnung, Familie und Frauen in Auftrag gab.
Die Auswertung von 2009 wird 10 Jahre nach der Ersterhebung die Entwicklung über einen längeren Zeitraum zeigen - eine Veröffentlichung des Gesamtberichts mit detaillierten Zahlen ist für Sommer 2010 geplant. Ein Kurzbericht des 3. Freiwilligensurveys mit ersten Handlungsempfehlungen liegt bereits mit dem Monitor Engagement vor.
▼ Freiwillig Engagierte
▼ Engagement und Engagementbereitschaft
▼ Engagement und Engagementbereitschaft nach
Alter
▼ Engagement und
Engagementbereitschaft nach Geschlecht
▼ Engagementbereiche
▼ Organisationsformen freiwilliger Tätigkeit
▼ Zeitaufwand
▼ Möglichkeiten
der Kostenerstattung
▼ Nutzung der
Kostenerstattung
▼ Erwartungen
an das Engagement
▼ Unterstützung
durch Arbeitgeber
▼ Art der Unterstützung
durch Arbeitgeber
▼ Wünsche an die
Organisationen Die dritte Befragungswelle erfolgte 2009. Ihre Ergebnisse werden
nunmehr 10 Jahre nach der Ersterhebung die Trendentwicklung über einen
längeren Zeitraum sichtbar machen.
▼ Wünsche an den Staat
/ die Öffentlichkeit
Der bundesweite Freiwilligensurvey 1999 bis 2004 kann in verschiedenen Fassungen als pdf-Datei auf den Seiten des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend heruntergeladen werden.
Gleich und Gleich gesellt sich gern. Und gemeinsame Aktivitäten in Verein oder Verband erfreuen sich auch in Bayern großer Beliebtheit: 2004 sind mehr als zwei Drittel (70 Prozent) der bayerischen Bevölkerung außerhalb ihrer rein erwerbsbezogenen oder rein familiären Aktivitäten in einem Verein, einem Verband, einer Gruppe, einer Organisation oder einer privaten/öffentlichen Einrichtung aktiv.
Mehr als die Hälfte dieser gemeinschaftlich Aktiven, und damit 37 Prozent der Bevölkerung Bayerns, die 14 Jahre oder älter ist, übernehmen im Rahmen ihrer öffentlichen Mitgliedschaften auch freiwillige oder ehrenamtliche Aufgaben und Arbeiten. Im Vergleich zu den Ergebnissen von 1999 ist diese Quote auf hohem Niveau stabil geblieben. Damit liegt Bayern auch 2004 über dem Bundesdurchschnitt und nimmt zusammen mit den Ländern Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen einen Spitzenplatz in Deutschland ein.

Gerade in puncto Engagementbereitschaft der Bevölkerung zeichnet sich ein erfreulicher Trend ab: Die Zahl der Personen, die bisher noch nicht ehrenamtlich tätig ist, aber grundsätzliche Bereitschaft signalisiert, ist von 23 Prozent (1999) auf 30 Prozent (2004) gestiegen. Das bedeutet auch: Waren 1999 noch 40 Prozent der bayerischen Bevölkerung nicht freiwillig bzw. ehrenamtlich engagiert und auch nicht zum Engagement bereit, so waren das 2004 nur noch 33 Prozent.
Was sind das für Menschen, die sich in Bayern freiwillig engagieren? Sind es eher Vertreter der älteren oder der jüngeren Generation? Handelt es sich eher um Frauen oder um Männer? Welche sozio-demographischen Veränderungen sind in dieser Hinsicht in den letzten fünf Jahren zu erkennen?

Die Infratest-Studie zeigt: Das tatsächliche Engagement und die Engagementbereitschaft hängen stark vom jeweiligen Alter ab. Es lässt sich kein einheitlicher Trend erkennen - teilweise können sogar gegenläufige Entwicklungen in den einzelnen Altersgruppen festgestellt werden. So nahm der Anteil der Engagierten in der Gruppe der 35- bis 44-Jährigen und bei den 55- bis 64-Jährigen (hier sogar sehr deutlich um 7 Prozent-Punkte!) zu. Die Zahl der 25- bis 34-Jährigen sowie die der 45- bis 54-Jährigen, die sich für die Gemeinschaft engagieren, hat dagegen in Bayern in den letzten fünf Jahren abgenommen.
Dies muss jedoch nicht von Dauer sein. Denn die Bereitschaft zum freiwilligen Engagement hat gerade in diesen Altersklassen erheblich zugenommen (25-34-Jährige: plus 9 Prozentpunkte; 45-54-Jährige: plus 14 Prozentpunkte). Hier zeigt sich ein großes Potenzial, das zukünftig für die Freiwilligenarbeit mobilisiert werden kann. Eine sehr interessante Gruppe sind die so genannten jungen Älteren (die 55- bis 64- Jährigen): Zusätzlich zum starken Anstieg des Engagements wuchs in dieser Gruppe auch das Potenzial für ein zukünftiges freiwilliges Engagement überproportional an. Denn: Während 1999 nur ein Fünftel der 55- bis 64-Jährigen eine ehrenamtlicheTätigkeit in Erwägung zog, ist es 2004 schon knapp ein Drittel.

Noch vor fünf Jahren waren die bayerischen Frauen deutlich weniger ehrenamtlich engagiert als die Männer. Aber: Die Frauen holen auf! Waren im Jahr 1999 erst 31 Prozent der Frauen freiwillig engagiert, kletterte der Anteil der engagierten Frauen im Jahr 2004 auf 35 Prozent. Auch die Bereitschaft der bisher nicht aktiven Frauen zu ehrenamtlichen Tätigkeiten ist deutlich gestiegen (1999: 26 Prozent; 2004: 31 Prozent) - im Gegensatz zu den Männern. Denn hier ist der Anteil der Engagierten etwas gesunken (1999: 43 Prozent; 2004: 40 Prozent). Der Abstand zwischen den beiden Geschlechtern hat sich damit von 12 Prozentpunkten im Jahr 1999 auf 5 Prozentpunkte im Jahr 2004 verringert. Ob diese Entwicklung anhält, bleibt abzuwarten. Denn viele Männer signalisieren verstärkt ihre Bereitschaft zu mehr freiwilligem Engagement - im Vergleich zum Jahr 1999 ist der Anteil um acht Prozentpunkte auf insgesamt 29 Prozent gestiegen.

Ob Ehrenamt im Sportverein oder in der Freiwilligen Feuerwehr, eine Mitarbeit in Selbsthilfegruppen, imTierheim oder in der Gemeinde - das Feld der ehrenamtlichen Aufgaben ist weit und die Möglichkeiten sich zu engagieren sind vielfältig. Mit Abstand beliebtester Bereich für ehrenamtliches Engagement und somit die unangefochtene Nummer 1 ist der Sport.Wie schon 1999 sind fast ein Viertel aller freiwillig Tätigen hier aktiv. Es folgen die Bereiche Kirche und Religion (12 Prozent) gleichauf mit Freizeit und Geselligkeit (12 Prozent). Auch kulturelles bzw. musisches (10 Prozent) und soziales Engagement (9 Prozent) sowie der Einsatz in Schule und Kindergarten (9 Prozent) erfreuen sich hoher Beliebtheit.
Insgesamt übten die Engagierten in Bayern im Jahr 2004 durchschnittlich 1,8Tätigkeiten aus (1999: 1,7).

Was wäre Deutschland ohne seine Vereine? Egal, ob es um Sport, Musik, Aktienkauf oder Taubenzucht geht - für nahezu alle Interessen findet man einen Verein, in dem man auf Gleichgesinnte trifft. In Bayern werden fast die Hälfte (47 Prozent) aller freiwilligen Tätigkeiten im Verein ausgeübt. Zweitwichtigste Organisationsform sind die Kirchen bzw. religiösen Vereinigungen, in deren Rahmen 16 Prozent (2004) der Tätigkeiten durchgeführt werden (1999: 17 Prozent). Dem folgen in gegenüber 1999 weitgehend unveränderter Reihenfolge und Ausprägung Verbände, Parteien und Gewerkschaften, die gruppenhaften Zusammenschlüsse sowie die öffentlichen und privaten Einrichtungen.

Die meisten, die sich ehrenamtlich engagieren, tun dies auch regelmäßig - dies ist ein klarer Trend, der sich in Bezug auf freiwillige Tätigkeiten in Bayern widerspiegelt. Die Anzahl der in Bayern Engagierten hat sich in den vergangenen Jahren zwar kaum verändert, doch die zeitliche Intensität ihres Einsatzes hat zugenommen. Ein Drittel aller Tätigkeiten wird mehrmals in der Woche oder sogar täglich ausgeübt, was im Vergleich zu 1999 ein Plus von sechs Prozentpunkten bedeutet (1999: 27 Prozent; 2004: 33 Prozent).Weitere 22 Prozent der Tätigkeiten finden einmal proWoche statt (plus 4 Prozentpunkte gegenüber 1999). Während 1999 nur 45 Prozent der freiwillig Engagierten mindestens wöchentlich Aufgaben übernahmen, sind es 2004 schon 55 Prozent.
Das Gesamtvolumen der Freiwilligenarbeit in Bayern ist enorm: 75 Millionen Stunden im Monat - ein Leistungsbeitrag, der etwa 10 Prozent der Stundenzahl der Erwerbstätigen entspricht, wurde bereits für 1999 geschätzt. Auf Basis der neuen Zahlen aus dem Jahr 2004 dürfte sich dieser Beitrag weiter erhöht haben. Und dennoch gilt: Die stärkere zeitliche Beanspruchung wird nicht als zunehmende persönliche Überlastung empfunden. So fühlten sich im Jahr 2004 81 Prozent nicht überfordert, d.h. ihren Tätigkeiten voll gewachsen. Im Jahr 1999 waren es nur 76 Prozent.

Die freiwillig Aktiven investieren nicht nur Zeit in ihr Engagement, es entstehen oft auch zusätzliche Kosten.Welche Rolle spielt ein Entgelt für ihreTätigkeit? Hat eine mögliche Kostenerstattung Einfluss auf die Motivation der Bevölkerung, sich freiwillig zu engagieren? Für rund 46 Prozent der freiwilligen Tätigkeiten, die 2004 von den Bürgerinnen und Bürgern ausgeübt wurden, ist eine Kostenerstattung gegen Nachweis grundsätzlich möglich. Dies entspricht einer Zunahme von etwa zwei Prozentpunkten im Vergleich zu 1999.

Diese Möglichkeit wird allerdings seltener genutzt als noch vor fünf Jahren: Für nur 18 von 100 Tätigkeiten wurde 2004 eine regelmäßige Kostenerstattung in Anspruch genommen - 1999 waren es rund neun Prozentpunkte mehr.

Ohne Frage: Der Spaß an der Tätigkeit steht hoch im Kurs - und ist die wichtigste Motivation für die Ausübung ehrenamtlicher Aufgaben. Aber auch mit sympathischen Menschen zusammen(zu) kommen, anderen Menschen (zu) helfen und etwas für das Gemeinwohl (zu) tun sind wichtige Faktoren für alle freiwillig Engagierten. Viele legen außerdem Wert darauf, ihre Kenntnisse zu erweitern und neue Erfahrungen zu sammeln. Weitere Motivationsfaktoren sind die Möglichkeit Verantwortung zu übernehmen und dafür auch entsprechende Anerkennung zu erhalten. Im Gesamtüberblick und im Vergleich mit dem Jahr 1999 kann die Struktur der Erwartungen als konstant bezeichnet werden. Sowohl bei der Rangfolge der genannten Werte als auch in Bezug auf die Stärke der entsprechenden Ausprägungen sind im Jahr 2004 gegenüber der ersten Umfrage fünf Jahre zuvor keine wesentlichen Änderungen zu erkennen.

Ein Novum im Fragenkatalog des Surveys 2004 ist die Frage, inwieweit sich die freiwillig Aktiven in ihrem Engagement durch ihren Arbeitgeber unterstützt fühlen. Mehr als ein Viertel (26 Prozent) der erwerbstätigen Bayern gibt an, vom jeweiligen Arbeitgeber die gewünschte Unterstützung zu erfahren. Ungefähr die Hälfte (51 Prozent) muss ohne Hilfe auskommen. Immerhin rund 23 Prozent der freiwillig Engagierten weisen allerdings darauf hin, dass sie eine Unterstützung des Arbeitgebers nicht benötigen.

Die bayerischen Arbeitgeber leisten ihren Beitrag hauptsächlich in Form flexibler Arbeitszeitgestaltung, die sie dem jeweiligen Arbeitnehmer ermöglichen. Hier nimmt Bayern im bundesweiten Vergleich eine eindeutige Vorreiterrolle ein. In Bezug auf eine mögliche Freistellung von der Arbeit sind die Arbeitgeber deutlich zurückhaltender (64 Prozent) - ebenso bei Nutzung der Infrastruktur. Bei Einstellungen, Beförderungen oder Anerkennung im Beruf spielt das freiwillige Engagement von Beschäftigten bisher keine besondere Rolle.

Ganz oben auf der Wunschliste der ehrenamtlich Tätigen steht - wie auch 1999 - die Verbesserung der Projektfinanzierung. Aber auch eine bessere Bereitstellung von Räumen und Sachmitteln sowie mehr fachliche Unterstützung wünschen sich die Engagierten von ihren Organisationen - gegenüber 1999 allerdings mit leicht abnehmender Tendenz. Vermehrt werden dagegen bessere Weiterbildungsmöglichkeiten (1999: 36 Prozent; 2004: 37 Prozent) und eine unbürokratische Kostenerstattung (1999: 34 Prozent; 2004: 35 Prozent) erhofft. Und dabei geht es weniger um eine bessere finanzielle Vergütung, denn dieser Aspekt hat bei den Freiwilligen in den vergangenen Jahren eher an Bedeutung verloren (1999: 25 Prozent; 2004: 22 Prozent).

Was sollte aus Sicht der freiwillig Engagierten außerdem verbessert werden, um ehrenamtliches Engagement einfacher und attraktiver zu gestalten? Welche Anforderungen werden an Staat und Öffentlichkeit gestellt?
Die im Jahr 1999 priorisierten Wünsche, die hauptsächlich auf eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für ein freiwilliges Engagement abzielten ( Bessere steuerliche Absetzbarkeit der Unkosten, Bessere steuerliche Absetzbarkeit der Aufwandsentschädigungen, Bessere Absicherung durch Unfall-/Haftpflichtversicherung), haben 2004 etwas an Bedeutung verloren. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die diesbezüglichen bundes- und landesweiten Verbesserungsmaßnahmen von den ehrenamtlich Aktiven tatsächlich wahr- und angenommen wurden. So hat beispielsweise die verbesserte versicherungsrechtliche Absicherung der Engagierten dazu geführt, dass dieser Punkt inzwischen deutlich seltener als Problemfeld genannt wird (minus 5 Prozentpunkte). In noch höherem Maße trifft dies auf den Wunsch nach steuerlicher Absetzbarkeit der im Zusammenhang mit der Freiwilligentätigkeit entstandenen Unkosten zu. Hier ist eine deutliche Entspannung im Vergleich mit dem Jahr 1999 zu verzeichnen (minus 13 Prozentpunkte). Dies gilt ebenso für die Einschätzung der Aufwandsentschädigungen (minus 6 Prozentpunkte).
Die Bedeutung finanzieller Punkte hat für den freiwillig Aktiven in den vergangenen Jahren im Hinblick auf seine Wünsche an Staat und Öffentlichkeit also übergreifend eher abgenommen - ebenso z.B. der formale Aspekt, eine freiwillige Tätigkeit als berufliches Praktikum anerkannt zu bekommen. Dagegen haben eher weiche Faktoren wie beispielsweise der Wunsch nach allgemeiner Anerkennung und nach besserer Information über die Möglichkeiten des freiwilligen Engagements in Bayern an Bedeutung gewonnen. Mehr Information und mehr Öffentlichkeit für das Thema Freiwilligenarbeit, z.B. über entsprechend positive Berichterstattung in Presse und Medien, könnte zukünftig helfen, das bestehende, große Potenzial für ein freiwilliges Engagement in der Gesellschaft zu erschließen.

Aktualisiert am 24.10.2007 - Startseite ▲ nach oben