In den letzten Jahren sind viele Bücher, Fachjournale und Zeitschriften zum Thema Bürgergesellschaft erschienen. Sie schlagen die Brücke von der Theorie gesellschaftlichen Wandels und seiner politischen Notwendigkeiten einerseits zu den praktischen Handlungsfeldern andererseits. Dadurch machen sie deutlich, wie die Praxis der Bürgergesellschaft sich in den letzten Jahren doch eindrucksvoll erweitert hat und sich zu einer ernst zu nehmenden politischen Perspektive entwickelt hat.
Zur
kommunalen Engagementförderung speziell im sozialen Bereich ist beim
Deutschen Verein ein neues Handbuch erschienen. Es zeigt auf, wie das
Bürgerschaftliche Engagement in sozialräumlich ausgerichteten
Handlungsfeldern und für bestimmte Zielgruppen gefördert werden kann
und befasst sich mit den dafür notwendigen Rahmenbedingungen.
Zu bestellen im Internet unter www.deutscher-verein.de
Was versteht man in Deutschland unter Bürgerschaftlichem Engagement? Welche Bereiche und Akteure sind beteiligt? Wie kann das freiwillige Engagement der Bürgerinnen und Bürger wirksam gefördert werden? Das neue umfangreiche Handbuch Bürgerschaftliches Engagement klärt historische und begriffliche Grundlagen, beschreibt systematisch Formen und Felder des Engagements sowie den organisatorischen und rechtlichen Rahmen. Es enthält empirische Daten zum Engagement ebenso wie Methoden und Strategien der Engagementförderung und beschreibt das sich neu konstituierende Politikfeld „Engagementpolitik“.
Die Broschüre der Bertelsmann-Stiftung fasst Verfahren und Methoden der Bürgerbeteiligung zusammen. Hierzulande unbekanntere Methoden wie „21st Century Town Meeting“ findet man hier ebenso wie die mittlerweile weit verbreiteten Ansätze Open Space oder World Café. In übersichtlichen Grafiken werden neben einer kurzen Beschreibung die wichtigsten Eckpunkte (z.B. für welche Personengruppe die Methode geeignet ist, welchen zeitlichen Aufwand sie benötigt etc.) zusammengefasst.
Die
Broschüre dokumentiert einen Workshop von Expertinnen des
bürgerschaftlichen Engagements und Vertretern aus
Nordrhein-Westfälischen Kommunen, der im Dezember 2009 in Bad Honnef
stattfand. Er versammelt Beiträge zur kommunalen Praxis der
Engagementförderung. Autoren sind u.a. Konrad Hummel, Henk Kinds,
Gisela Jakob, Thomas Röbke). Anschaulich werden zudem einzelne
vorbildliche Ansätze der Engagementförderung in NRW vorgestellt (z.B.
aus Essen, Ahlen, Arnsberg, Rheine), die von praktischen Maßnahmen bis
zu einer umfassenden Leitbildentwicklung reichen.
Download: www.engagementinnrw.de/pdf/100406_Doku_Zukunftsfaktor_BE_.pdf
Der Sammelband zieht eine kritische Zwischenbilanz für den seit zwei Jahrzehnten sich zunehmender Aufmerksamkeit erfreuenden Begriff der Bürgergesellschaft. Dazu haben die Herausgeber Beiträge zu Feldern der Engagementpolitik, der Entwicklung zivilgesellschaftlicher Potenziale, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, Governance und Genderaspekten zusammengetragen. Die Autoren sind durchaus kritisch. Die Furcht, in einer „Bürgergesellschaft light“ (Ulrich Beck) steckenzubleiben, die keine politische Strategie entwickelt, durchzieht viele Beiträge, ebenso wie die Sorge, dass gesellschaftliche Verwerfungen und Ungerechtigkeiten sich in den Tätigkeitsfeldern des Bürgerschaftlichen Engagements unkritisch wiederfinden, z.B. traditionelle Rollenteilungen der Geschlechter oder die wachsende Entfernung von armen und bildungsfernen Schichten zum Engagementbereich. Damit besteht die Gefahr einer zunehmenden Instrumentalisierung der Bürgergesellschaft für Politik- und Wirtschaftsversagen.
Was ist unter dem Begriff "Bürgergesellschaft" zu verstehen, der sich binnen weniger Jahre zu einem politischen Grundbegriff entwickelte? Welche Konsequenzen und Vorteile ergeben sich aus seiner Idee? Das umfangreiche Lern- und Arbeitsbuch von Serge Embacher und Susanne Lang versteht sich als Wegweiser für engagierte Bürgerinnen und Bürger: Mit aktuellen Daten und anhand praktischer Beispiele erklärt es das Konzept der Bürgergesellschaft. Nach einer Einführung und Bestandsaufnahme zum Thema Bürgergesellschaft und bürgerschaftliches Engagement beschäftigen sich die folgenden Kapitel mit dem Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft, mit Engagementpolitik und den rechtlichen Rahmenbedingungen sowie mit dem Engagement von Unternehmen.Verschiedene Aspekte der Bürgergesellschaft werden ausführlich betrachtet und analysiert.
Immer dringlicher wird es, eine geordnete
Engagementpolitik zu entwickeln. Viele einzelne Ressorts der
Bundesregierung haben in den letzten Jahren Programme und
Modellprojekte aufgelegt, die das Bürgerschaftliches Engagement
befördern sollen, allerdings vielfach ohne größere Koordination. Der
Sammelband ist vor allem deshalb verdienstvoll, weil er die
unterschiedlichen Ansätze von Engagementförderung und
Engagementpolitik, aber auch die Übereinstimmungen zwischen den
verschiedenen Ministerien deutlich macht. Beiträge stammen von allen
beim Engagementthema aufgerufenen Ministerinnen und Ministern (Ulla
Schmidt, Ilse Aigner, Wolfgang Schäuble, Ursula von der Leyen, Peer
Steinbrück, Wolfgang Tiefensee). Zudem wird der Blick auf die
europäische Situation geweitet, beispielsweise durch einen sehr
instruktiven Artikel über die Förderung zivilgesellschaftlicher
Potenziale im Gesundheitswesen der Niederlande. Schließlich wird der
Sammelband durch Beiträge aus kommunaler, Länder- oder Kirchensicht
komplettiert, nicht zu vergessen die Schilderungen interessanter
zivilgesellschaftlicher Praxisprojekte wie der Berliner Tafel. Ein Buch
wie eine Zitatensammlung, das noch durch das Vorwort der
Bundeskanzlerin aufgewertet wird.
Bezugsstelle: Publikationsversand der Bundesregierung. Postfach 481009.
www.bmfsj.de
In dem vom ehemaligen Vorsitzenden der Enquetekommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“, Michael Bürsch, herausgegebenen Sammelband zeichnen frühere Kommissionsmitglieder und -mitarbeiter sechs Jahre nach Veröffentlichung des Kommissionsberichts ein differenziertes Bild über den Stand der Bürgergesellschaft in Deutschland. Deutlich wird: Es existiert mittlerweile eine Engagementpolitik, die sich im Hinblick auf gesellschaftliche Entwicklungsfelder wie Migration (Agkün), Bildung (Hartnuß, Schenkel), Erwerbsarbeit (Priller), Demokratie (Klein), Wirtschaft (Heuberger) bis zum Gesundheits- und Selbsthilfebereich (Thiel) der Frage nach möglichen Beiträgen und Standpunkten Bürgerschaftlichen Engagements stellt und damit die Konturen einer vitalen Zivilgesellschaft sichtbar macht.
Das Forschungsjournal enthält unter anderem die Vorträge des Forum Bürgergesellschaft, das im März 2008 in Schloß Dietersdorf bei Berlin stattfand. Schwerpunkt der von der Stiftung Bürger für Bürger veranstalteten Expertenkonferenz waren sozialräumliche Ansätze des Bürgerschaftlichen Engagements. Anhand von Beispielen aus Städten (Nürtingen, Nürnberg) und ländlichen Räumen (hessische Landkreise) werden kommunale Strukturen aufgezeigt, die das Bürgerschaftliche Engagement nachhaltig unterstützen.
Bürgerschaftlichem Engagement werden laut einschlägigen Definitionen die Attribute freiwillig, gemeinwohlbezogen und unentgeltlich zugeschrieben. Materielle Anreize spielen aber in der Praxis freiwilligen Engagements immer öfter eine Rolle. Damit wirft ein zunehmender Trend der Monetarisierung neue, dringende Fragen auf: Welche Beziehungsmuster, Spannungen und Widersprüche zwischen Engagement und Erwerbsarbeit bringt diese Entwicklung mit sich? Wie sehen die Unterschiede, Übergänge und Grauzonen dieser beiden gesellschaftlichen Bereiche aus? Auf diese und andere Fragen geben Experten in der umfangreichen Tagungs-Dokumentation Antworten und bieten außerdem Anregungen und Ideen für einen weiteren öffentlichen Diskurs.
Zu bestellen über:
Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE)
Michaelkirchstr. 17-18
10179 Berlin-Mitte
oder als Download:
www.b-b-e.de/uploads/media/dokumentation_engagement_erwerbsarbeit_2007.pdf
Wovon leben Menschen? Und
wofür leben sie? Diese beiden Fragen beschäftigte ein mehrjähriges
Projekt der Forschungsgesellschaft „anstiftung“. Im Lauf von 2 Jahren
wurden über 50 für das Gemeinwesen engagierte Personen zwischen 23 und
79 Jahren aus unterschiedlichen Lebenszusammenhängen und
sozio-ökonomischen Verhältnissen befragt, um die Bedeutung und den Wert
von gesellschaftlichem Engagement und Eigenarbeit im Alltag moderner
Menschen zu untersuchen. Einmal mehr bestätigt sich dabei die
„Binsenweisheit“, dass Menschen ebenso sehr von „Luft und Liebe“ wie
von Geld und Waren leben. Erschienen sind jetzt 28 der Interviews mit
fotografischen Portraits von Cornelia Suhan in dem Buch „Wovon Menschen
leben“, die beschreiben, was die Befragten tun, um ihren sozialen
Zusammenhang, ihr Umfeld in Dorf und Stadt und ihre natürliche Umgebung
aufrecht- bzw. am Leben zu erhalten. Darin bieten sich vierlerlei
Erkenntnisse und Denkanstösse, in wie weit Eigenarbeit und Engagement
unabdingbar sind, für die Engagierten und Beteiligten ebenso wie für
eine ökologisch und sozial verträgliche gesellschaftliche Entwicklung.
Eine beiliegende DVD enthält Interviewpassagen zu den unterschiedlichen
Themen. Und für Wissenschaftler und an soziologischer Theoriebildung
interessierte Leser liefert das letzte Kapitel des Buches eine
zusammenfassende Analyse und Reflexion der Portraits.
Der
Carl Bertelsmann-Preis 2007 wurde unter dem Motto „Vorbilder bilden –
Gesellschaftliches Engagement als Bildungsziel“ vergeben. Eine dazu
erschienene Publikation zeigt die Potenziale früher Engagementförderung
für die Einzelnen und die Gesamtgesellschaft auf und skizziert die
bestehenden Rahmenbedingungen in Kindertagesstätten, Schulen, Vereinen
und Verbänden. Der Blick auf andere Länder und ihre Engagementpolitik
sowie gute Beispiele aus der Praxis im In- und Ausland, verknüpft mit
Erkenntnissen aus Pädagogik, Entwicklungspsychologie und Politik, geben
Anregungen für eine Diskussion in Deutschland. Näher vorgestellt werden
auch die beiden Preisträger 2007, „Citizenship Foundation“ aus
Großbritannien und „Bildungsplan Themenorientiertes Projekt Soziales
Engagement“ des Landes Baden-Württemberg.
Die Publikation zeigt
erste Handlungsoptionen auf für eine Intensivierung der Kooperationen
zwischen Bildungsinstitutionen und Einrichtungen des gemeinnützigen
Sektors.
Nach
den Befunden des Freiwilligensurveys 2004 ist deutlich geworden, dass
Bürgerschaftliches Engagement vor allem ein Anliegen gut gebildeter und
integrierter Bevölkerungsschichten ist. Dieses Defizit weckt das
Interesse an Modellen und Vorbildern, wie Menschen, die in unserer
Gesellschaft eher an den Rand gedrängt sind, sich bürgerschaftlich
engagieren können. Deutlich wird, das es hier auch darum gehen muss,
politische Organisations- und Artikulationsfähigkeit erst herzustellen,
aber nicht im Sinne eines missbrauchsanfälligen
Stellvertretungsanspruchs, sondern verstanden als
Selbstorganisationsprozess. In diesem Zusammenhang sind die Ansätze des
Community Organizing, die Anfang des 19. Jahrhunderts in den USA (vor
allem in Chicago) entstanden, wieder aktuell geworden. Politischer
konzipiert als die „deutsche“ Gemeinwesenarbeit setzt Community
Organizing auf den Stadtteil als Hintergrund politischer
Auseinandersetzung mit demokratischen Mitteln. Community Organizing
hält sich von öffentlicher Alimentierung fern, um Unabhängigkeit zu
bewahren. Der von Leo Penta herausgegebene Band enthält viele Beispiele
historischer und aktueller Aktionen, ohne sich groß mit theoretischen
Fundierungen aufzuhalten.
Hartmut von Hentig, über Jahrzehnte wichtiger pädagogischer Vordenker, gibt mit dieser kleinen Streitschrift Hinweise zur Verknüpfung von Schule und Gemeinwesen. Beides ist für ihn wichtig: Dass Schule selbst zum Gemeinwesen wird, eine Vielfalt des Lebens abbildet, aber auch, dass die Zugänge der Schule zum Gemeinwesen breiter und intensiver genutzt werden. Denn nur so stellt sich die Erfahrung des ‚Nützlich-Seins‘ ein. Ein wesentlicher Vorschlag des Buches: Jede Bürgerin und jeder Bürger sollten zwischen Beendigung der Schule und dem Antritt des Berufs ein Jahr lang Dienst an der Gemeinschaft leisten. Damit soll der permanenten Schwächung des Gemeinwesens, die von Hentig in der Moderne konstatiert, entgegengewirkt werden. Neue Lernräume könnten so in einer Gesellschaft entstehen, die den Auftrag der Bildung künstlich in Lehranstalten konzentriert hat. Unverkennbar zielt von Hentig auf eine Art Wiedergeburt der Polis, in der das Gemeinwesen selbst zum Ort der politischen Erziehung zum Bürger geworden ist. Und: Der Autor zielt auch auf eine Neubewertung des Pflichtbegriffs, der für ihn nicht vordergründig Zwang meint. Pflicht kommen von ‚pflegen‘, für eine Sache mit freiem Willen einstehen. Diese Kantische Bedeutung gilt es heute wiederzuentdecken. Selbstbestimmte Person und zugleich verantwortungsbewusster Bürger zu sein darf keinen Widerspruch bedeuten.
Das
Themenheft versammelt Artikel zu Beteiligungsaspekten des
Bürgerschaftlichen Engagements, insbesondere von Jugendlichen
und Unternehmen, sowie zu seiner wirtschaftlichen Einbettung in den
Dritten Sektor. Zudem enthält es eine kurze Darstellung der
wichtigsten Ergebnisse des Freiwilligensurvey 2004. In ihrem
einleitenden Aufsatz beschreibt Brigitte Geißel den empirischen
Zusammenhang von kritischer Bürgerbeteiligung und Stabilität
demokratischer Gemeinwesen. Kritikbereite Bevölkerungsgruppen
heben weit überwiegend eine demokratische Systempräferenz
(51,3%), 17% würden ein undemokratisches System bevorzugen,
22,7% sind nicht kritikbereit. Dies ist das hervorstechendste
Ergebnis einer Befragung von 2.000 Bürgern in sechs Städten.
Annette Zimmer und Eckhard Priller setzen ihre Untersuchungen zum
sogenannten Dritten Sektor fort. Sie beschreiben ihn im Spannungsfeld
zwischen Werteorientierung (Solidarität) und wirtschaftlichen
Herausforderungen, die deutlich zugenommen haben. Fünf Prozent
aller Beschäftigten in Deutschland sind im Dritten Sektor tätig,
das sind 2,1 Mio. der sozialversicherungsrelevanten Beschäftigten
(1995). Im Dritten Sektor findet aber auch 80% des Bürgerschaftlichen
Engagements statt, das entspricht zeitlich etwa 400.000
Vollarbeitsplätzen. Gerade die Einbettung des Bürgerschaftlichen
Engagements sorgt, neben der Berufseinstellung der Hauptamtlichen,
für die glaubhafte Werteorientierung des Dritten Sektors.
Hervorzuheben ist noch der Essay von Holger Backhaus-Maul über
das Engagement von Unternehmen, das die neuartige These enthält,
wonach auf einem Markt, in dem in den letzten Jahren Kostensenkung
und Effizienzsteigerung dominierten, nun von den Marktteilnehmern
wieder stärker qualitative Anreize gesetzt werden. Hierzu kann
auch eine glaubhafte Verankerung der Unternehmen im Gemeinwesen
beitragen.
BE als Verkaufsargument!
Das APUZ Themenheft
Bürgerschaftliches Engagement ist als Download verfügbar
unter:
www.bpb.de/files/UDNNW5.pdf
Das Buch bietet einen guten und schnellen Überblick über die Traditionen des Begriffs Zivil- oder Bürgergesellschaft und die aktuellen Diskussionen. Adloff spürt zunächst den philosophischen Fundstellen der ‚communitas civilis‘ seit Aristoteles nach. Vom Begriff der Polis ausgehend wird Bürgergesellschaft zu Beginn der Neuzeit zu einer eigenständigen Sphäre des menschlichen Zusammenlebens, die neben Wirtschaft und Staat autonom bestehen kann. Adloff versucht über Philosophen wie Locke, Hegel und den amerikanischen Pragmatisten John Dewey die weiteren Bedeutungsverschiebungen der Zivilgesellschaft nachzuzeichnen, um sich dann der aktuellen Diskussion zu widmen. Hier konzentriert er sich auf Fragen der Dritten-Sektor-Forschung, des Verhältnisses von Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement, sowie auf Fragen der politischen Geschichte seit den osteuropäischen Freiheitsbewegungen bis zu aktuellen politischen Nicht-Regierungs-Organisationen, die im internationalen Maßstab agieren.
Eine der wichtigsten Rechtsformen, mit denen der Staat sein Verhältnis zu Zivilgesellschaft und Dritten Sektor regelt, ist das Gemeinnützigkeitsrecht. Die Beiträge dieses Sammelbandes beschreiben die geschichtliche Entwicklung und gegenwärtige Bandbreite des Gemeinnützigkeitsdenkens in einer Zeit, in der sich das Staatsverständnis massiv zugunsten eines ermöglichenden Staates zu ändern beginnt. Die Wandlungen dieses Staatsverständnisses zeigen vor allem der Beitrag von Gunnar Folke Schuppert und Herfried Münkler / Karsten Fischer auf. Autoren wie Christoph Sachße und Rupert Graf Strachwitz setzen sich aus unterschiedlichen Perspektiven für eine breitere Definition von Gemeinnützigkeit ein. Dabei bildet ein neues zivilgesellschaftliches Verständnis den Hintergrund für das Plädoyer einer Ausweitung des Gemeinnützigkeitsrechtes, auch im Hinblick auf staatliche Förderung und Steuererleichterung.
Die versammelten Aufsätze beleuchten verschiedene aktuelle Entwicklungsstränge der Bürgergesellschaft. Der Historiker Jürgen Kocka fragt nach der Rolle der Stiftungen in der Bürgergesellschaft der Zukunft. Nach einem kurzen historisch-philosophischen Abriss der Idee der Bürgergesellschaft seit Kant verdeutlicht Kocka die Chancen, die in der derzeitigen Renaissance des Stiftungswesens stecken. Der Dritte-Sektor-Forscher Helmut K. Anheier beleuchtet mit seiner Co-Autorin Anja Appel in prägnanten Thesen die Vor- und Nachteile von Stiftungen für die demokratische Entwicklung der Bürgergesellschaft. Das Fazit zeigt, dass trotz mancher Nachteile, zum Beispiel den geringen demokratischen Kontrollmöglichkeiten, Stiftungen ein wesentlich belebendes Element der Zivilgesellschaft und ein wichtiger Partner für den Sozial- und Kulturstaat sein können. Offen muss freilich die Frage bleiben, inwiefern die hohen Erwartungen an Stiftungen, die derzeit geäußert werden, auch realistisch sind. Weit kritischer äußern sich Böhnisch und Schröer in ihrem Aufsatz zum Verhältnis von Bürgergesellschaft und Sozialpolitik. Ihrer Ansicht nach verweist die derzeitige Konjunktur der Bürgergesellschaft auf eine wachsende Spannung zwischen kapitalistischer, globalisierter Wirtschaftsweise und nationalem Sozialstaat, der den sozialen Frieden immer weniger zu garantieren imstande ist. Die Debatte um die Bürgergesellschaft deutet also im Kern auf die Notwendigkeit hin, das Verhältnis von Wirtschaft und Sozialstaat unter globalen Bedingungen neu zu definieren. Holger Backhaus-Maul erörtert schließlich die Chancen von Corporate Citizenship im deutschen Sozialstaat. Deutschland, so Backhaus-Maul, scheint im Ringen um ein neues Verständnis von Unternehmen als verantwortliche Bürger international hinterher zu hinken. Während das Spendenwesen und Sponsoring für die Unternehmenspolitik - auf deutlich niedrigerem Niveau als in den USA - schon relativ geläufig ist, nähern sich viele Unternehmen den neuen Formen des Corporate Volunteering nur sehr zögerlich. Für Backhaus-Maul resultiert dies nicht zuletzt aus der traditionell randständigen Rolle, die Unternehmen in der Diskussion um Gemeinwohl in Deutschland bisher eingenommen haben. Als Download verfügbar unter www.bpb.de/publikationen.
Alois
Glück, neuer Präsident des Bayerischen Landtags, fasst seine über
Jahrzehnte gewachsenen Ideen und Gedanken zur Aktiven
Bürgergesellschaft zusammen. Das Verhältnis von Staat und Gesellschaft
muss grundsätzlich neu gestaltet werden. Eine verantwortliche
Bürgergesellschaft mit mehr Teilhaberechten wird in Zukunft einem
aktivierenden Sozialstaat gegenüberstehen, der durch gute
Rahmenbedingungen Bürgerengagement ermöglicht. In diesem Zusammenhang
wird das Prinzip der Subsidiarität eine neue Blüte erleben.
Eine aktuelle Sammlung von
ExpertInnen-Beiträgen zum Thema, mit Stimmen der Politik (u.a.
von Hildegard Hamm-Brücher), der Verbände und
Organisationen sowie der Wissenschaft. Die Broschüre will mit
den »Prioritäten und Empfehlungen« Impulse für
die aktuelle Debatte um künftige Strategien der Förderung
und Unterstützung des bürgerschaftlichen Engagements
bieten.
Die gesamte Broschüre ist als PDF-Datei online unter
www.buerger-fuer-buerger.de/index1.htm
("Veröffentlichungen") verfügbar. Bestellung der
Printversion (Druckkostenbeteiligung 10 Euro) bei
Stiftung Bürger
für Bürger, Telefon (0 30) 24 31 49-0, Telefax (0 30) 24 31
49-49, E-Mail: info@buerger-fuer-buerger.de
Am 14.2.2000 konstituierte sich
die vom Deutschen Bundestag eingesetzte Enquetekommission "Zukunft
des Bürgerschaftlichen Engagements", die am 3. Juni ihren
Abschlussbericht vorlegte (u.a. mit einem Sondervortum ihrer
Mitglieder aus der CDU/CSU Fraktion und ihrer Sachverständigen).
Unter Leitung des Bundestagsabgeordneten Dr. Michael Bürsch
(SPD) beschäftigte sich die Kommission vor allem mit folgenden
Themenkomplexen: Bürgerschaftliches Engagement und
Bürgergesellschaft; Bürgerschaftliches Engagement und
Erwerbsarbeit; Bürgerschaftliches Engagement und Sozialstaat.
Im
Grundzug wird auf ein umfassendes Verständnis von
Bürgergesellschaft rekurriert, das sich zwischen Markt und Staat
neu bilden und einen höheren Stellenwert einnehmen muss. Hierzu
sollen die Empfehlungen der Kommission beitragen, die sich vor allem
an die Akteure der Bürgergesellschaft, aber auch an Staat und
Wirtschaft richten. Dazu zählen u.a.: Politische
Teilhabemöglichkeiten der Bürger zu stärken; eine
umfangreiche Anerkennungskultur zu entwickeln, die die Qualifikation
von Ehrenamtlichen einschließt, Gelegenheits- und
Anlaufstrukturen für am Engagement Interessierte zu schaffen und
zu verstetigen, um verlässliche Netzwerke und Infrastrukturen
für das Ehrenamt zu schaffen; Unternehmen als gute Bürger
(good corporate citizenship) zu gewinnen, das Gemeinnützigkeit
und Steuerrecht so zu reformieren, dass sich mehr Bürger mit
Wissen, Geld und Zeit engagieren.
Der Text des Buches ist
identisch mit der Bundestagsdrucksache 14/8900 und kann auf den
Internetseiten des Deutschen Bundestages auch als download geladen
werden unter dip21.bundestag.de/dip21/btd/14/089/1408900.pdf
Robert Putnam hat mit dem Begriff
"Soziales Kapital" eines der einflussreichsten Konzepte der
derzeitigen Debatte um die Bürgergesellschaft entwickelt. In
seinem einflussreichen Aufsatz "Bowling Alone" hatte der
Harvardprofessor erstmals seine Vorstellungen dargelegt. Seine These
lautete: Soziales Kapital ist eine wesentliche Ressource für
eine Gesellschaft, die bessere Bildungsprozesse genauso ermöglicht
wie höhere soziale Zufriedenheit, weniger Kriminalität und
Korruption, die insgesamt also für die Stabilität eines
Gemeinwesens sorgt. Diese Ressource Soziales Kapital nimmt allerdings
in den westlichen modernen Demokratien stetig ab.
Die mehrjährige
länderübergreifende Studie zu Trends in der Entwicklung des
Sozialkapitals kann Putnams These allerdings nur bedingt belegen. In
die Studie wurden neben Deutschland auch Großbritannien,
Frankreich, Australien, Japan, Spanien, Schweden und die USA
einbezogen. Claus Offe und Susanne Fuchs beschreiben für
Deutschland, dass ein Rückgang ehrenamtlichen Engagements und
formeller Mitgliedschaften insgesamt nicht zu konstatieren sind.
Allerdings gibt es Zeichen der Abnahme des Engagements in
Großverbänden, Kirchen und Parteien, zu denen insbesondere
bei Jugendlichen die Distanz weiter wächst. Höherer
Bildungsgrad und Integriertheit in das gesellschaftliche Leben
scheinen umgekehrt auch soziales Engagement positiv zu beeinflussen.
Das Jahrbuch Kulturpolitik widmet seinen Schwerpunkt dem Thema Bürgerschaftliches Engagement. In der Einführung zeichnen die Herausgeber die Entwicklung des Begriffs Bürgergesellschaft und seine politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Facetten nach. Weitere Autoren wie Wolfgang Thierse, Warnfried Dettling, Rolf G. Heinze und Annette Zimmer widmen sich in kurzen Aufsätzen Fragen des Dritten Sektors sowie den politischen Konsequenzen aus der Entwicklung der Bürgergesellschaft. Prominente Kulturpolitiker wie Hermann Glaser, Michael Naumann und Olaf Schwencke begründen Bürgergesellschaft aus den Traditionen der Kulturpolitik: Der soziokulturellen Tradition einerseits, des Stifter- und Mäzenatentums anderseits. Eine Umfrage unter kulturpolitischen Akteuren zeigt den gegenwärtigen Stellenwert Bürgerschaftlichen Engagements im kulturellen Bereich.
Das Buch versucht vor allem politische Themen der Sozialdemokratie und der neuen Bürgergesellschaft zu verbinden. Thomas Meyer sieht in der Theorie des Kommunitarismus neue Impulse für eine gesellschaftliche Gerechtigkeitsdiskussion. Bodo Hombach geht es in seinem Beitrag um eine neue Balance zwischen Bürgerrechten und -pflichten. Im dritten Teil werden Praxisprojekte in Nordrhein-Westfalen vorgestellt, die einen weiten Bogen von SOS-Rassismus-Gruppen bis zu Geschichtsprojekten rund um den Bergbau und das Zechenwesen schlagen. In seinem Resümee schreibt Mitherausgeber Ulrich Wehrhöfer: "Worum es der Sozialdemokratie gehen muss, ist eine Strategie der Aktivierung des bürgerschaftlichen Engagements. Eine Aufgabe, die insbesondere der Sozialdemokratie zukommt, da es nach wie vor eines ihrer größten Kapitale ist, die Partei des sozialen Ausgleichs zu sein, die verschiedene Interessensgruppen zusammenführt und zu gemeinsamen Problemlösungen anregen kann... Wesentliches Instrument dafür ist der aktivierende Staat... Ein Staat, der das Subsidiaritätsprinzip so durchbuchstabiert, dass all das, was soziale Gemeinschaften vor Ort selbst leisten können, nicht verstaatlicht wird und das, was Gemeinschaften nicht leisten können, in demokratischer Weise ermittelt und als staatliche Aufgabe bestimmt wird, die auch zu finanzieren und zu erfüllen ist (S. 249 f.)".
Aktualisiert am 21.12.2011 - Startseite ▲ nach oben