Wandel des Ehrenamtes - Befunde

Das Ehrenamt ist im Wandel - man kann es schon an der derzeitigen Vielfalt von Begriffen ablesen: Freiwillige Tätigkeit, Bürgerschaftliches Engagement, Bürgerarbeit usw. Die Menschen scheinen heute eine gute Balance zwischen subjektiven Wünschen und objektiven Erfordernissen des Ehrenamtes zu wollen. Ehrenamt soll neben dem Sinn der Hilfe auch Spaß machen.

 

Konrad Hummel: Die Bürgerschaftlichkeit unserer Städte. Für eine neue Engagementpolitik in den Kommunen. Eigenverlag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, Berlin 2009

Konrad Hummel ist ein reflektierender Praktiker. In seinem neuen Buch verarbeitet er Erfahrungen aus seiner Augsburger Zeit als Sozialreferent mit dem Ziel, eine politische Strategie zu entwerfen, die Bürgergesellschaft vor Ort befördert. Städte müssen vor allem für Prozesse der Diversität, den demografischen Wandel und eine zunehmende Segregation konstruktive Antworten finden. Wo ist hier Bürgerschaftliches Engagement verortet, was kann es zur Lösung der Probleme beitragen? Hummel sieht ein magisches Viereck, mit dem eine Beurteilung und Lokalisierung Bürgerschaftlichen Engagements gelingen kann. Bezogen auf die drei Handlungsfelder muss Engagementpolitik den Diskurs um Werte voranbringen, Strukturen der Koproduktion von Bürger und Staat entwickeln, danach fragen, wie sich unterschiedliche gesellschaftliche Milieus zivilgesellschaftlich organisieren und aktivieren lassen und welche methodischen Zugänge man schließlich wählen muss, um erfolgreich zu sein. Dies wird vor allem an konkreten Projekten und Netzwerken nachvollziehbar, die Hummel in seiner Augsburger Zeit angestoßen hat. Jeder, der Hummel persönlich erlebt hat, wird ihn auch im Buch wiedertreffen: Als blitzgescheiten Denker und Macher, der nicht sonderlich um Systematik bemüht ist.  

Annette Zimmer: Vereine – Zivilgesellschaft konkret. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007

Vereine sind in Deutschland mit Abstand die wichtigste Rechtsform, in der bürgerschaftliches Engagement stattfindet. Das Lehrbuch beschreibt prägnant die besonderen Qualitäten und differenzierten Ausprägungen von Vereinen und wie sie sich von anderen Rechtsformen (GmbH, Stiftungen etc.) unterscheiden. Die Autorin Annette Zimmer ordnet die Vereine in die historische Perspektive moderner Gesellschaften ein, zu deren Demokratisierung sie Wesentliches beigetragen haben. Der zweite Teil des Handbuchs beschreibt am empirischen Vergleich der Vereinslandschaften von Jena und Münster die praktische Arbeit und die Probleme der Vereine vor Ort. Abschließend wird die Vereinslandschaft im theoretischen Rahmen der Dritten-Sektor-Forschung und des Diskurses über Zivilgesellschaft und Soziales Kapital eingeordnet. Verschwiegen werden auch nicht die „dunklen Seiten“ des Vereins (als „closed shop“ und Netzwerk der Privilegierten), aber auch die aktuellen Gefahren, denen die Vereine zum Beispiel durch Kommerzialisierung und Dienstleistungsorientierung ausgesetzt sind.

Deutscher Fürsorgetag 2006: Mut zur sozialen Verantwortung, 3.-5. Mai 2006 in Düsseldorf

Dokumentation des Workshops 4.5.: Bürgerschaftliches Engagement im Welfare Mix – Möglichkeiten und Chancen S. 297-328
Die Dokumentation ist nur als pdf-Version im Internet auf den Seiten des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge verfügbar unter: www.deutscher-verein.de

Der Begriff des „Welfare Mix“ spielt in der Debatte um das Bürgerschaftliche Engagement eine zunehmend wichtige Rolle. Allgemein bedeutet Welfare Mix, dass Menschen und Institutionen in vielfältiger Weise an der Erstellung sozialer Dienstleistungen beteiligt sind. Dieser Blick korrigiert eine eher ökonomisch verkürzte Sicht, wonach es bei der Erbringung sozialer Dienstleistungen allein um eine dyadische Beziehung von Patient/Klient und professionellem Dienst geht. Damit wird auch die Rolle des Bürgerschaftlichen Engagements neu eingeordnet, das als Koproduzent sozialer Dienste zu verstehen ist. In einem Grundsatzreferat beobachtet Thomas Olk als Megatrend eine zunehmende Einbeziehung des Bürgerschaftlichen Engagements in den Wohlfahrtsmix. Damit entsteht ein neues Tableau der Dienstleistungserbringung zwischen Staat (als Gestalter und Moderator), Institutionen des 3. Sektors (wie Wohlfahrtsverbände), gewerblichem Markt, individuellem Nutzer und bürgerschaftlicher Hilfe. Stefan Roß und Thomas Klie konkretisieren diese Sicht durch den Blick auf die Altenhilfe, Betreute Wohnformen und Hospizarbeit.

Bürgerschaftliches Engagement - unbegrenzte Möglichkeiten

Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit 4/2005 ISSN 0340-3564
Das Vierteljahresheft des Archivs widmet sich dem Schwerpunkt Bürgerschaftliches Engagement. Autoren wie Ansgar Klein, Thomas Olk, Gisela Jakob und Thomas Röbke bearbeiten in ihren Aufsätzen vor allen Schnittstellen des Bürgerschaftlichen Engagements zu anderen wichtigen politischen Diskursen und Tätigkeitsfeldern. Damit ist auch schon ein Kennzeichen der gegenwärtigen Diskussion benannt. Sie widmet sich weniger dem Selbstverständnis (Was ist 'Neues Ehrenamt' oder 'Zivilgesellschaft'), sondern erkundet die Brückenschläge in andere Politikbereiche hinein. Im Zentrum steht also ein neuer Wohlfahrtsmix, der die verschiedenen Ressourcen und Aufgabenstellungen zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklungen 'zusammendenkt'. Hierzu gehören das Verhätnis des Bürgerschaftlichen Engagements zur professionellen Leistungsbringung im Sozialbereich (Klie/Roß), der Komplex der Schulentwicklung und des Service Learnings (Hartnuß), die Arbeitsmarktpolitik (Trube), die Zukunft der (generationsübergreifenden) Freiwilligendienste (Olk) oder der Stadtentwicklung (Röbke).

Deutsches Jugendinstitut (Hg.) "Eigentlich sind wir hier schon das Vereinte Europa". Integration vor Ort gestalten. Handlungsmodelle für die nachhaltige Integration von Familien mit Migrationshintergrund in Kommune und Stadtteil, München 2003

Mit dieser Veröffentlichung richtet sich das DJI nicht nur an die institutionellen Akteure vor Ort und der Politik, sondern ausdrücklich auch an die örtliche Zivilgesellschaft. Damit sind EinzelaktivistInnen, Initiativen und Vereine sowohl von "Einheimischen" als auch von MigrantInnen gemeint. Zu verschiedenen Handlungsfeldern (Deutsch lernen, Integration im Wohnumfeld, Orte für Familien mit Kindern im Quartier, Förderung von Migranten-Selbstorganisationen etc.) werden wichtige aktuelle Hintergrundinformationen und modellhafte praktische Ansätze vorgestellt. Vor dem Hintergrund, dass sich Integration vorwiegend im sozialen Nahraum entwickelt, plädieren die VerfasserInnen dafür, die konkrete Lebenssituation der MigrantInnen genauer zu betrachten und die Familien im Migrationsprozess zu unterstützen (Migration als Familienprojekt).
Die vorgestellten Praxismodelle sollen als Module genutzt werden, die erst als Ganzes ein Strategiebündel zur aktiven Gestaltung des Gemeinwesens ergeben, das selbstbewusst und aus Überzeugung von und mit sozialer, regionaler, vor allem aber ethnisch-kultureller Vielfalt lebt.
als pdf-Datei unter www.dji.de/bibs/187/leitfaden.pdf

Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (Hg.): Migranten sind aktiv. Zum gesellschaftlichen Engagement von Migrantinnen und Migranten. Dokumentation der Fachtagung am 11. Juni 2002 in Bonn, Bonn 2003

In dieser Dokumentation sind u.a. die Ergebnisse der Recherche "Freiwilliges Engagement von Migrantinnen und Migranten" zusammengefasst, bei der Schwerpunkte, Inhalte und Lücken der Forschungsprojekte und Veröffentlichungen zum Themenfeld analysiert wurden. Die Recherche ergab eine große Bandbreite v.a. hinsichtlich der Analyse der Entwicklung, Zielgruppen, Arbeitsbereiche und Funktionen von Migranten-Selbstorganisationen, während Aspekte des Freiwilligen Engagements bisher in der Forschung kaum berücksichtigt werden. Es wurde noch eine Vor-Ort-Recherche zu Erfahrungen und Perspektiven des Freiwilligen Engagements aus Sicht der MigrantInnen in drei verschiedenen Sozialräume durchgeführt, deren Ergebnisse ebenfalls in der Dokumentation vorgestellt werden. Prof. Dr. Stefan Gaitanides verweist in seinem Beitrag "Freiwilliges Engagement und Selbsthilfepotential von Familien ausländischer Herkunft und Migranten-Selbstorganisationen - Anforderungen an die Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik" auf das große Verdienst des Sechsten Familienberichtes, das stereotype, überwiegend negativ wertende Bild von der typischen Migrantenfamilie gründlich in Frage gestellt zu haben und damit den Blick zu öffnen für die Leistungen und Ressourcen der Migrantenfamilien. Differenziert thematisiert er das Selbsthilfepotential in den Familien, die Partizipation an Freiwilligenorganisationen der Mehrheitsgesellschaft sowie die Situation von Migranten-Selbstorganisationen.
Neben zwei Migranten-Selbstorganisationen auf Bundesebene (Bund der Spanischen Elternvereine in der Bundesrepublik Deutschland e.V. und Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland e.V. FÖTED) sind in der Tagungsdokumentation noch drei Best-Practice-Beispiele vorgestellt: Ein Projekt zur Ausbildung von bleibeberechtigten Flüchtlingen zu Mediatorinnen und Mediatoren im Jugendhilfe- und Schulbereich, ein Projekt mit jugendlichen Russlanddeutschen und der durch die Medien bekannte Verein "Diên Hông - Gemeinsam unter einem Dach" in Rostock.
(Die gesamte Dokumentation ist als pdf-Datei unter: www.bundesregierung.de/Content/DE/Publikation/IB/Anlagen/dokumentation-migranten-sind-aktiv,property=publicationFile.pdf abrufbar.)

Sebastian Braun: Soziales Kapital, sozialer Zusammenhalt und soziale Ungleichheit. Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament" B29-30/2002

Der Begriff de sozialen Kapitals spielt in der neueren Debatte um das Bürgerschaftliche Engagement eine zentrale Rolle (siehe dazu auch "Lexikon"). In diesem Zusammenhang fallen vor allem die Namen von zwei Autoren: Pierre Bourdieu und Robert Putnam. Der Aufsatz von Braun arbeitet die Unterschiede und Konvergenzen der beiden theoretischen Ansätze heraus. Während Bourdieu den Begriff des Sozialen Kapitals als Quelle sozialer Ungleichheit begreift (Menschen, die auf ein gutes soziales Netzwerk vertrauen können, haben damit auch eine größere Machtstellung), sieht Putnam soziales Kapital als Ressource des gemeinschaftlichen Zusammenhalts. Damit so, Braun, übersieht er aber, dass moderne Gesellschaften zunehmend (wieder) von sozialen Ungleichheiten durchzogen werden, die sich nicht nur im materiellen Wohlstand, sondern auch im Grad gesellschaftlicher Integration (d.h. in der unterschiedlichen Dichte sozialer Beziehungen) niederschlagen. Dies spielt auch für die Engagementbereitschaft eine wichtige Rolle. Menschen die sozial gut integriert seien, würden sich signifikant mehr bürgerschaftlich engagieren. Hier greift Braun vor allem auf Ergebnisse einer Forschungsgruppe um Michael Vester zurück.

Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament" vom 1. März 2002 Nr. B9/2002

Diese Beilage enthält unterschiedliche Aufsätze, u.a. einen Essay von Christoph Sachße zur Geschichte des Bürgerschaftlichen Engagements, einen Beitrag von Gisela Jakob zur Zukunft der Freiwilligendienste und einen kurzen empirischen Vergleich über Bürgerschaftliches Engagement in Europa von Helmut Anheier und Stefan Toepler. Das Heft gibt einen knappen Zwischenstand über wichtige Stränge der derzeitigen Diskussionen.
Als download verfügbar unter www.bpb.de/publikationen

Heiner Keupp, in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen (Hg.): Bürgerschaftliches Engagement - Soziales Kapital fördern und nutzen. Eine Dokumentation des Symposiums am 12. Und 13. Juli 2001 im Siemens Forum München

Die Tagung, die im Rahmen der Aktivitäten der Bayerischen Staatsregierung im Internationalen Jahr der Freiwilligen 2001 stattfand, bietet die Beiträge von Referenten wie Annette Zimmer, Helmut Klages, Warnfried Dettling und Heiner Keupp. Im Anhang befinden sich aus dem Freiwilligensurvey 1999 stammende ausgewählte empirische Befunde für Bayern, zusammengestellt von Thomas Gensicke.
(Die Broschüre kann gegen eine Versand- und Unkostengebühr über das Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement bezogen werden.)

Karin Beher; Reinhard Liebig; Thomas Rauschenbach: Strukturwandel des Ehrenamts. Gemeinwohlorientierung im Modernisierungsprozess. Juventa, Weinheim und München 2000

Umfassende Studie zum Wandel des Ehrenamtes, der sich schon in den 90er Jahren mit einer hohen verbalen Konjunktur des Ehrenamtes andeutete. Dass sich hinter dieser Konjunktur auch Strukturkrisen und Brüche im Selbstverständnis des klassischen Ehrenamtes verbargen, wurde hier erstmals umfassend untersucht. Sowohl in den Kapiteln zum Ehrenamt im Sport, in Wohlfahrts- und Jugendverbänden als auch in einzelnen Untersuchungen zum Engagement von Frauen und älteren Menschen spüren die Autoren den Veränderungen im Selbstverständnis des Ehrenamtes nach. Diesen Wandel beschreiben sie in der Einführung unter anderem durch die Vervielfältigung der Motivationen und Lebenslagen, die einen individuelleren Zuschnitt der Tätigkeitsfelder erforderlich macht; durch neue Themen wie Ökologie und Umweltschutz und die schleichende Abwendung von den Großverbänden hin zur Initiativenkultur; durch eine geringere Verbindlichkeit und Projektbezogenheit des Engagements; schließlich zeigen sie, dass das Ehrenamt durch die hohe Verberuflichung der sozialen Arbeit in zum Teil schwierige Konkurrenzsituationen mit den professionellen Strukturen gerät.

Annette Zimmer; Stefan Nährlich (Hg.): Engagierte Bürgerschaft. Traditionen und Perspektiven. leske und budrich, Opladen 2000

Der Band liefert in drei Abschnitten einen guten Überblick über die Diskussionsstränge zum Ehrenamt. Im ersten Abschnitt skizziert Roland Roth knapp die aktuellen Veränderungen bürgerschaftlichen Engagements. Der zweite Abschnitt zeigt praktische Felder der freiwilligen Tätigkeit, u.a. in großen Verbändenhummel (am Beispiel Caritas), in der Kultur, im Verhältnis von Freiwilligensektor und Wirtschaft. Der dritte Teil widmet sich vor allem der wiederbelebten Tradition von Stiftungen, insbesondere der Bürgerstiftungen.

Aktualisiert am 24.10.2007 - Startseite           ▲ nach oben